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MEDITATION & SELBSTENTWICKLUNG



Meditieren tut gut. Wer regelmäßig meditiert, wird ausgeglichener, schläft besser, kann sich besser konzentrieren, ja, stärkt sogar sein Immunsystem. Eine noch stärkere Wirkung hat die Meditation, wenn sie durch Übungen zur Selbstentwicklung ergänzt wird. Und eine der – nach meiner Erfahrung – wirksamsten Übungen zur allmählichen Weiter­entwick­lung der eigenen Persönlichkeit wird in Rudolf Steiners Buch „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ in dem Kapitel „Innere Ruhe“ beschrieben. Dort heißt es dazu:

 „In dieser [ungestörten] Zeit soll der Mensch sich vollständig herausreißen aus seinem Alltags­leben. Sein Gedanken-, sein Gefühlsleben soll da eine andere Färbung erhalten, als sie sonst haben. Er soll seine Freuden, seine Leiden, seine Sorgen, seine Erfahrungen, seine Taten vor seiner Seele vorbeiziehen lassen. Und er soll sich dabei so stellen, daß er alles das, was er sonst erlebt, von einem höheren Gesichtspunkte aus ansieht.“1

Man wählt sich dazu zum Beispiel eine Situation, die man mit anderen Menschen erlebt hat, mit einem Kollegen oder einer Kollegin, mit Kindern oder Eltern. Dann versucht man, sich diese Situation so bildhaft wie möglich und vor allem aus einer neutralen Beobachterperspektive vorzustellen. Am einfachsten sind Situationen, in denen man etwas „über die Stränge geschlagen“, sich also nicht ganz angemessen verhalten hat. (Es ist sehr viel schwieriger, sich in einer als verletzend erlebten Situation neutral von außen zu betrachten.) Natürlich weiß man, was man dabei gedacht, gefühlt und gewollt hat, und all das schaut man sich in aller Ruhe wie bei einem fremden Menschen an.

  „Mit der inneren Ruhe des Beurteilers muß [man] sich selbst entgegentreten.“2

Das ist nicht ganz einfach, man muss sich schon etwas anstrengen, um innerlich eine Beobachterhaltung einzunehmen. Wir sind nämlich meist sehr identifiziert mit unseren Gefühlen und unse­rem Tun, und darauf beruhen fast alle Konflikte. Aber gerade deshalb ist die Übung so heilsam, weil man sich und die anderen einmal von einer höheren Warte aus anschaut.


Wenn es dann gelungen ist, sich so neutral und gleichzeitig so aufrichtig wie möglich zu betrachten, kann man noch eine kleine Ergänzung einfügen (die so nicht von Steiner beschrieben wurde, die sich aber als ausgesprochen hilfreich erwiesen hat): Man wendet sich innerlich an seinen „Engel“ oder an sein „höheres Ich“ und fragt, wie man sich eigentlich hätte verhalten sollen, damit es im Sinne der anderen Menschen und auch für einen selbst förderlich gewesen wäre. In den allermeisten Fällen wird man dann eine gute und konstruktive „Antwort“ erhalten.


Wenn man diese kleine Übung öfter durchführt (Steiner empfiehlt täglich mindestens fünf Minuten), kann eine ungeahnte Verwandlung der eigenen Persönlichkeit eintreten, die Rudolf Steiner folgendermaßen beschreibt:

 „Ein solcher Mensch wird bald bemerken, was für eine Kraftquelle solche ausgesonderten Zeitabschnitte für ihn sind. Er wird anfangen, sich über Dinge nicht mehr zu ärgern, über die er sich vorher geärgert hat; unzählige Dinge, die er vorher gefürchtet hat, hören auf, ihm Befürchtungen zu machen. Eine ganz neue Lebensauffassung eignet er sich an. (…) Der ganze Mensch wird ruhiger werden, wird Sicherheit bei all seinen Handlungen gewinnen, wird nicht mehr aus der Fassung gebracht werden können durch alle möglichen Zwischenfälle. (…) Und so ziehen Gedanke nach Gedanke in die Lebensauffassung [des Menschen] ein, die fruchtbar, förderlich sind für sein Leben. Sie treten an die Stelle von solchen, die ihm hinderlich, schwächend waren. Er fängt an, sein Lebensschiff einen sicheren, festen Gang zu führen innerhalb der Wogen des Lebens, während es vorher von diesen Wogen hin und her geschlagen worden ist.“3

Man muss allerdings unbedingt darauf achten, dass man eine möglicherweise vorhandene Gewohnheit, sich selbst negativ zu beurteilen, nicht verstärkt. Das wäre völlig kontraproduktiv. Falls man diese Gewohnheit hat (was nicht selten vorkommt), kann man versuchen, einmal von außen zuzuschauen, wie man sich selbst negativ beurteilt und welche Wirkungen das auf einen selbst und auf die sozialen Beziehungen hat.

Die Übung ist also nicht einfach, aber äußerst wirkungsvoll. In einem aktuellen Forschungsprojekt, das die Akanthos Akademie zusammen mit der Universität Witten/Herdecke durchführt, wird u.a. die Wirkung dieser Übung untersucht. Die bisherigen Ergebnisse bestätigen Rudolf Steiners Darstellung in schönster Weise.4


Literaturhinweise und Anmerkungen

1 Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? Dornach 1995, S. 28 ff.

2 Ebd. S. 32.

3 Ebd. S. 33.



 

Dr. Christoph Hueck ist Mitherausgeber der Zeitschrift erWACHSEN&WERDEN, Biologe, Waldorfpädagoge, Dozent 



Der Beitrag erschien in erWACHSEN&WEREN 12/23

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