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GUTE GEWOHNHEITEN UND DAS ROTKÄPPCHEN

28. Aug.
5 Min. Lesezeit


Dieser Beitrag von Judith Ebbing bildet den Auftakt einer Reihe zum Thema „Gute Gewohnheiten“. Rudolf Steiner betont an verschiedenen Stellen die Wichtigkeit, Kinder vor allem mit guten Gewohnheiten auszustatten. Dass es sich mit guten Gewohnheiten leichter lebt als mit schlechten, leuchtet ein. Wie aber kann ich mein Repertoire an guten Gewohnheiten vergrößern?


Wenn wir von Gewohnheiten sprechen, sprechen wir von Bewegungen, die wir ausführen, weil wir sie so gewohnt sind. Weil wir sie uns durch Wiederholungen eingefleischt haben. Wir wohnen nun in ihnen. Sie organisieren unser Handeln, Fühlen und Denken. Uns selbst also. Und ihre Folgen bestimmen unser Leben. Mit unseren Gewohnheiten erschaffen wir uns die Welt, für die wir selbst verantwortlich sind.


Ich muss dabei an Rotkäppchen denken. Denn als ich über einen Monat lang mit ihm lebte und mir das Märchen wortwörtlich einverleibte, fiel mir auf, WER das Rotkäppchen eigentlich ist. Das Märchen spricht von ...einer kleine süße Dirne, die jedermann lieb hatte, der sie nur ansah... (1)


Wen haben denn alle so lieb?

Ich will Ihnen einen Hinweis geben. Wie ist das, wenn einer der folgenden Sätze oder alle an Ihr Ohr dringen: „Schatz, die Überweisung ist schon gemacht!“ – „Die Garantie habe ich abgeheftet.“ – „Die Spülmaschine ist schon ausgeräumt.“ – „Ich habe den Müll eben raus gebracht.“ – „Die Wäsche ist schon in den Schrank geräumt.“ – „Du kannst das Rad benutzen, der Reifen ist geflickt.“ – „Den Knopf habe ich wieder angenäht.“


Wenn ich diese Aufgaben vor mir habe, binden sie meine Zeit und Kraft. Im Augenblick, in dem ich erfahre, dass sie schon erledigt sind, werden Zeit und Kräfte plötzlich frei! Jemand hat es schon GETAN. Sich angestrengt. Seine Glieder in meinem Sinne bewegt. Mir einen Freiraum geschaffen! Wer liebt das nicht?


Noch ein Indiz: Was geschieht, wenn ein Handwerker in den Kindergarten kommt? Ob Glaser, Maurer, Schreiner, Maler, Schlosser ganz egal? Sein Arbeiten zieht die Kinder an. Sie schlüpfen beim Zuschauen förmlich in ihn hinein und ahmen über die nächsten Wochen das an ihm Erlebte bis in die Details exakt nach, auch in Körpersprache und Tonfall.


Wille, Bewegung, ICH

Rotkäppchen ist reiner Wille. Wille erzeugt Bewegungen. Und Handlungen sind Bewegung. Sie sind magisch. Sie sind das Attraktivste. Ziehen die Blicke auf sich. Jedermann liebt die kleine süße Dirne, der sie nur ansieht. Im Handeln treten wir selbst in unserer Unverwechselbarkeit in Erscheinung. Wir, das heißt, ICH selbst, lebe im Willen, in den Bewegungen. ICH und WILLE sind eins. WILLE und BEWEGUNG sind eins. Und den in Erscheinung tretenden Willen, solange er nicht vom Wolf verführt ist, haben alle lieb. Und das bin ICH.


Das gesamte kindliche Lernen bis zur Schulreife geschieht nonverbal auf Grundlage dieser Liebe der Kinder zu dem Rotkäppchen(2) ihrer Eltern. Die Kinder wenden sich mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit deren Bewegungen zu und eigen sie sich selbst an. Das heißt sie machen fremden Willen zum eignen! Sie fragen nicht einmal nach der Moral, die in ihm liegt. Sie nehmen alles als gut in sich auf. Wenn man sich das klar macht, kann man erstaunt darüber sein, wie groß die Anziehung sein muss, die von unserem Rotkäppchen ausgeht – und wie groß die bedingungslose Hingabe der Kinder an uns ist, wenn sie sich uns aneignen! Und wie entsprechend groß auch unsere Verantwortung ihnen gegenüber ist.


Wir sind das Rotkäppchen, sofern wir uns handelnd bewegen. Und anders als die Tiere, sind wir in unseren Bewegungen nicht festgelegt, allerdings auch nicht geleitet. Es kann also passieren, dass unser Handeln unbewusst unseren eigenen höheren Zielen, der kranken Großmutter Kuchen und Wein zur Stärkung zu bringen, widerspricht und wir uns selbst ein Beinchen dabei stellen, vom Weg abgeraten und uns gar vom Wolf verschlingen lassen! Das kann auf Dauer nicht nur nerven und frustrieren, sondern krank machen, Chaos und Unfrieden stiften bis im schlimmsten Fall hin zum Suizid.


Welt der Sinne und des Geistes

Wer aber ist die Großmutter, die Kranke und Schwache? Doch wohl unser Gedankenleben, dem die Fähigkeit verloren gegangen ist, in der Welt der Sinne auch die Welt des Geistes schauen zu können. Es dörrt aus und droht in trockenen Abstraktionen zu sterben. Rudolf Steiner spricht von geistiger Atemnot, geistiger Auszehrung, geistigem Siechtum(3), in die der Mensch verfällt, wenn er sich nur mit der äußeren, materiellen Seite der Welt identifiziert und das Denken keine Belebung erhält, um sich zum Erkennen des eigenen lebendigen Geistes aufzuschwingen.


Wie schaffen wir es mit unserem Bewusstsein zu unserem geistigen Wesenskern vorzudringen und zu erleben, dass er nicht identisch ist mit dem physischen Leib, sondern weit mehr und vor allem ewig?


Jeder ist also vom Leben selbst dazu aufgefordert herauszufinden, wo er seinen Willen noch gegen die objektiven geistigen GESETZE des göttlichen WERDENS seines eignen SEINS stellt.


Das Gefühl - Fake it until you make it 

Aber welche Kriterien sind unabdingbar mit ihm verbunden?

Ein Weg diese Frage selbst zu erforschen und Antworten zu finden, kann die Frage nach Rotkäppchens Mutter sein. Das Märchen spricht so von ihr: Eines Tages sprach seine Mutter zu ihm: “komm, Rotkäppchen, da hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein, bring das der Großmutter hinaus; sie ist krank und schwach und wird sich daran laben.“


Ihr Verwandtschaftsgrad nach oben zur Großmutter ist derselbe wie nach unten zu Rotkäppchen. Sie steht mit beiden in Verbindung: sie weiß einerseits um die Lage der Großmutter, ist zweitens im Besitz der Stärkung – Kuchen und Wein – und kann drittens Rotkäppchen damit zu ihr schicken. Indem sie das kann, schickt sie heilbringende Bewegung hinaus in die Abgeschiedenheit des Denkens, in dem wir Einsame geworden sind. Wer ist dieses besondere Wesen, das zwischen Großmutter und Rotkäppchen vermittelt? Zwischen Denken und Wollen? Kopf und Gliedmaßen? Das ist wohl das Gefühl, das im Rhythmischen System von Lunge und Herz zwischen den beiden im Brustkorb wohnt.


Die Forschung danach, was gute Gewohnheiten sind, kann darin bestehen, sich dem Gefühl zuzuwenden und sich abends im Tagebuch die Frage zu beantworten: „Wobei habe ich mich heute unwohl gefühlt?“ Denn aus der Haltung und den Handlungen, die mit den WERDE-GESETZEN des SEINS zusammen gehen, resultieren nur Ordnung, Klarheit, Frieden und Freiheit.

Der Frage nach den unwohlen Situationen des heutigen Tages kann zur freundlichen Einstimmung und seelischen Erhebung die Frage vorangestellt werden: „Über welche Ereignisse des heutigen Tages kann ich wahre Dankbarkeit empfinden?“


Und der Frage nach der „Unwohlseins-Frage“ kann die Frage folgen: „Wen kenne ich, der sich in denen von mir als unwohl erlebte Situation anders verhalten hätte und seine Souveränität nicht verloren? Was hat dieser Mensch, das mir fehlt?“


Wenn mir das attraktiv erscheint und ich eine Sehnsucht danach verspüre, es einmal so wie mein Vorbild zu können, dann darf ich auch für mich darum bitten und darum, dass das Vorbild mir in der nächsten Situation, die mit dem Unwohlsein zusammenhängt, einfallen möge. Denn wie es bei den Kindern funktioniert, funktioniert es auch bei uns, wenn wir es aus warmer Hinwendung tun: „Fake it until you make it.“ Das heißt, „gib vor, wie der andere zu sein, bis du selbst so geworden bist.“ Und wenn das eintritt, haben wir eine gute Gewohnheit mehr und helfen unserem Rotkäppchen, dass es geschützt vor dem Wolf der Großmutter die verjüngenden und belebenden Heilmittel bringen kann.




Literatur

1 Die Methode zum rhythmischen (einfachen) Lernen von Märchen finden Sie in der Ausgabe 10-25 auf Seite 33 ff. beschrieben.

 2 Wille, Bewegung, ICH

3 Rudolf Steiner, Die Welt der Sinne und die Welt des Geistes, 6. Vortrag, Hannover, 1. Januar 1912, GA 134, Rudolf Steiner Verlag, 2015, S. 118


Abbildungen

Illustrationen von Otto Ubbelohde, 1909

Illustration von Isabel Naftel, Little Red Riding Hood, 1862, Wikimedia

 


Judith Ebbing war als Krankenschwester im In- und Ausland unter anderem auf einer anthroposophisch geführten Palliativstation tätig. Nach dem Heilpädagogik-Studium arbeitete sie in Waldorfkindergärten und in einer neuropädiatrischen Rehaklinik. Die Waldorfpädagogik ist ihr ein Herzensanliegen.

 


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