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KINDERBESPRECHUNG - Die Magie des Wahrnehmens

Oder ein Appell an die Liebe




Im Rahmen des Online-Seminars „Grundlagen der anthroposophischen Pädagogik“ von Antje Bek und Dr. Christoph Hueck fand im April ein Präsenz-Seminar statt, bei dem wir unter anderem die Methodik der sogenannten „Kinderbesprechung“ kennenlernten.

 

Ich muss gestehen, dass mich das Wort „Kinderbesprechung“ zuerst regelrecht abgeschreckt hat. Klingt ja eher kalt und technisch. Was sich aber dann dahinter verbarg, war so ziemlich das genaue Gegenteil.


Um was geht’s?

Ich würde sagen, es geht in erster Linie um Wahrnehmung. Und Da-Sein-Lassen.


Rein methodisch betrachtet bestand unsere Aufgabe als Teilnehmende zunächst einmal darin, ein Kind aus der eigenen Familie, dem Bekanntenkreis oder eben einen Schüler oder eine Schülerin  möglichst objektiv zu beschreiben. Also ohne automatisch zu interpretieren und zu bewerten. Einzelne Kinder wurden dann im Kreis entsprechend dargestellt.


Als Orientierung diente der Blick auf die von Dr. Rudolf Steiner beschriebenen vier Wesensglieder:

  1. Physischer Leib: Beschreibung der äußerlichen Erscheinung des Kindes, z. B. Größe, Statur, Haar- & Augenfarbe, Zähne, etc.

  2. Ätherleib: Beschreibung der Lebensprozesse wie z. B Essverhalten, Wärme- und Kräftehaushalt, Krankheiten, etc.

  3. Astralleib: Motorik, aber auch Eigenheiten im Lern- und Sozialverhalten

  4. Ich: Beschreibung biographischer Aspekte, z. B Wohnumgebung, Geschwister, einschneidende Schicksalsereignisse, etc.


Zuletzt wurden eine oder mehrere Fragen an das Kind formuliert. Ganz allgemein oder auch im Hinblick auf (vom Beschreibenden wahrgenommene) Schwierigkeiten bzw. Unausgeglichenheiten des Kindes. Um das geht’s. Technisch gesehen.


Und auch an diesem Punkt hatte ich noch echte Gewissensbisse. Dürfen wir das überhaupt? Wie würde mein Kind das finden, wenn es wüsste, dass mit „Fremden“ so intensiv über es gesprochen würde? Über Andere zu sprechen, die selbst gar nicht anwesend sind, das versuche ich in meinem Alltag doch eher zu vermeiden.


Eine liebevolle Grundhaltung

Was aber dann tatsächlich geschah, hatte eine völlig andere Qualität als „über jemanden zu sprechen“. Ich glaube, das Entscheidende an der Sache war die liebevolle Grundhaltung. Die Seelenstimmung, in die wir als Gruppe gemeinsam nach und nach immer tiefer und tiefer eintauchten. Wie ein Orchester die Instrumente stimmt, so kamen wir nach und nach zu einer einheitlichen, liebevollen Stimmung unserer Herzen.


So gelang es, dass nicht nur die Beschreibungen möglichst unvoreingenommen waren, sondern auch die Zuhörer einfach nur wahrnehmen und sich innerlich ein Bild machen konnten von dem Kind, ohne – so gut wie eben möglich –  moralische Urteile mit hineinzumischen.


Der Zauber, der darin lag, lässt sich eigentlich nicht mit Worten beschreiben. Etwas Heilsames – Heiliges geschah da, von dem wir eigentlich nur Zuschauer (Wahrnehmer) waren.

In uns Zuhörern entstand auf einmal ein lebendiges Bild von diesem beschriebenen Kind, obwohl wir es nicht kannten. Und es war, als wäre etwas von dem Kind tatsächlich anwesend.


Wir stellten unsere Fragen an die Person, die das Kind beschrieben hatte, oder an das Kind selbst. Und in den Fragen spiegelte sich das Bestreben, das Kind zu verstehen. Nicht etwa, es ändern zu wollen. Sondern nur, es besser zu verstehen. Das ist ja ein wesentlicher Unterschied.


Und auch wenn es durchaus hilfreiche Ideen und konkrete Vorschläge zu pädagogisch-didaktischen Interventionen gab, stand dies doch gar nicht so sehr im Vordergrund. Sondern vielmehr eben das Verstehen-Wollen von einer oder mehrere Charaktereigenschaften oder einer konkreten Problematik.


Wahrheitssuche und der individuelle Gesichtspunkt

Ein sehr weiser Mensch gab mir einmal ein recht eindrückliches Bild zur Wahrheitssuche: Wenn wir so im Kreis zusam-mensitzen und in der Mitte ein Blumenstrauß steht, sieht jeder diesen Strauß nur von der Seite, von der aus er darauf schaut. Sollte er versuchen, ihn in Gänze zu beschreiben, würde er (so er wollte) durchaus die Wahrheit beschreiben. Allerding sein rechter und linker Nachbar und auch sein Gegenüber würden den Strauß ganz anders beschreiben. Obwohl sie alle AUCH die Wahrheit sagen.


Jeder Beobachter hätte, trotz aller Bemühungen, den Strauß vollständig zu erkennen, rein vom äußerlichen Gesichtspunkte aus nur einen Teil der ganzen Wahrheit vor sich. Selbst wenn er wollte, könnte er über das äußerliche Erscheinungsbild des Straußes von der anderen Seite aus so lange keine Aussage machen, bis er entweder den Platz wechseln oder sein Gegenüber fragen würde.


Wenn wir also so in die Welt schauen, sehen wir die Dinge eben erst mal aus unserer ganz individuellen Perspektive. Wir nehmen ganz unterschiedliche Gesichtspunkte wahr und formen unsere „individualisierten Begriffe“. Wenn wir uns dann aber zu immer neuen, noch klareren Erkenntnissen aufmachen wollen, müssen wir natürlich erst mal üben, genau zu beobachten und das Wahrgenommene präzise zu beschreiben. Manchmal haben wir ja regelrechte blinde Flecken z. B. gegenüber bestimmten Eigenschaften oder auch ganzen Sachverhalten. Möglicherweise haben wir dann schon ein vorschnelles Urteil gefällt und müssen einfach nochmal besser hinschauen, hinhören, uns wieder öffnen für die Wahrnehmung.


Aber – und das finde ich zeigt das Blumenstrauß-Beispiel so anschaulich – selbst dann kann es sein, dass wir vom aktuellen Standpunkt aus gewisse Aspekte einfach nicht direkt selbst wahrnehmen können. Wir haben dann vielleicht nur die Beschreibung von unserem Gegenüber. Im schlimmsten Fall den Nachrichtensprecher. Wollen wir dessen Perspektive in unsere eigene integrieren, müssen wir uns ja sozusagen auch wiederum blind darauf verlassen, dass das Gegenüber präzise und vollständig genug beobachtet und beschrieben hat. Wir können natürlich noch unsere Logik dazu nehmen und unser Wahrheitsgefühl, um innerlich zu prüfen, was wir gehört haben. Aber direkt mit den Sinnen wahrnehmen können wir es in bestimmten Fällen einfach nicht.


Das Entscheidende an der ganzen Sache mit dem Blumenstrauß ist die innere Haltung der Menschen in diesem Kreis. Entscheidend ist das gemeinsame Ziel, die Wahrheit erkennen zu wollen. Wenn wir alle auf unsere eigenen Werturteile verzichten, wirklich nur still lauschend die Erscheinung betrachten und unser Wahrgenommenes präzise beschreiben, dann kann dasjenige, was meiner direkten Wahrnehmung zur Verfügung steht, durch die Wahrnehmungen der anderen ergänzt werden, sodass ein noch vollständigeres Bild in mir entsteht. Dann kann es gelingen, sich gemeinsam der Wahrheit, dem ideellen Urbild immer mehr zu nähern.


Tja, und nun stand da in der Mitte auf einmal kein Blumenstrauß mehr. Sondern ein Mensch. Ein sich entwickelnder Mensch noch dazu.


Puh. Demut.


Die Wahrheit über den Menschen finden?

Die Idee dieses ganz einzigartigen Menschenkindes erkennen?


Schier unmöglich.


Und dennoch gelang uns glaube ich, einen ganz kurzen, feinen Lichtstrahl auf dieses individuelle Menschenwesen zu werfen. Und das war eben das Magische. Nicht das Ergebnis. Sondern die Liebe zur Wahrheit. Und die Achtung und Demut vor diesem einzigartigen geistigen Wesen, über das wir sprachen. Von der Wahrheit zur Freiheit zur Liebe.


Ich war bis dato der Meinung, dass ich recht gut geschult bin im objektiven Wahrnehmen. Aus dem Beruflichen heraus. Unser Kreis an diesem Wochenende lehrte mich, wie kostbar es ist, das Objektive in der Gemeinschaft zu teilen, sodass es lebendig werden darf. Und dann die Wahrnehmungen der anderen von diesem Lebendigen zu mir zu nehmen. Zu integrieren in meine eigene Wahrnehmung. Hatte ich doch trotz aller Objektivität durch meine eigene „Brille“ geschaut. Und nun kamen Resonanzen auf meine (so gut wie eben möglich) objektive Beschreibung, die so ganz anders waren als meine eigene.


Verständnis für Wesen und Schicksal des Kindes entwickeln

Was für ein Geschenk. Denn diese Wahrnehmungen der anderen haben mir geholfen, wirklich neue Perspektiven einzunehmen. Nicht im Rhetorischen. Sondern ganz im Konkreten. Es hat mir ganz konkret geholfen, mein eigenes Kind besser zu verstehen. Und aus einem dauerhaften Zustand der Unzufriedenheit, aus einem Gefühl der Unzulänglichkeit herauszukommen.


Weil ich auf einmal verstehen konnte, dass mein Kind da zufrieden ist, wo ich noch unzufrieden bin. Wo ich z. B. nach Harmonie und Übereinstimmung strebe, ist mein Kind froh über Abgrenzung und Verschiedenheit. Es hat eben ein ganz anderes Temperament als ich. Und auf einmal muss ich mich in gewissen Situationen nicht mehr anstrengen. Ich kann mich freuen, z. B. über unsere Meinungsverschiedenheit, über seinen Protest mir gegenüber. Weil ich verstanden habe, dass ihm das guttut, dass es das sucht und braucht, um seine Grenze wahrzunehmen. Um sich selbst in Abgrenzung zur Welt zu spüren.


Wir sprachen insgesamt über sieben Kinder unterschiedlicher Altersstufen. Und jede dieser „Besprechungen“ war, wie die Kinder selbst, ganz unterschiedlich und einzigartig.


Nur ein Aspekt schien mir bei allen gleich zu sein: Immer kamen wir im Gespräch irgendwann an einen Punkt, an dem es um die Möglichkeit ging, sich mit den eigenen Fragen auch an den Engel des Kindes zu wenden. Und auch das individuelle Schicksal des Kindes zu respektieren.


Das rückte mein Verständnis der anthroposophischen Pädagogik nochmal in eine ganz andere Dimension. Was wir hier suchen sind keine kurzfristigen Lösungen, die unser persönliches Leben als Eltern oder Pädagogen mit den Kindern erleichtern. Was wir mit Instrumenten wie einer sogenannten „Kinderbesprechung“ erzielen wollen, das sind viel größere, vielleicht meilenweit entfernte Ziele.


Helfen, dass ein Kind seine Lebensaufgaben findet. Dass es in dieser Inkarnation lösen kann, was es sich vorgeburtlich vorgenommen hat. Dass es Fähigkeiten fürs nächste Leben anlegt und entwickelt. Da sein, wenn es gilt, Schmerzhaftes zu durchleben. Verstehen, wenn Zweifel kommen. Und vor allen Dingen Sicherheit darüber geben, dass es eine geistige Welt gibt, aus der wir kommen und wohin wir eines Tages zurückkehren. Damit diese werdenden Menschen hier und heute auf der Erde den Mut nicht verlieren. Sicher, ganz sicher wissen, dass jedes Kind einen Schutzengel hat …


Dann brauchen wir auch nicht mehr nach didaktischen Lösungen für Probleme suchen. Sie werden zu uns kommen. Wir werden nicht mehr darauf schauen müssen, „was der Doktor dazu gesagt hat“. Wir werden einen pädagogischen Instinkt entwickeln, wie es Dr. Steiner formuliert hat. Und intuitiv wissen, was der nächste Schritt ist, den das Kind für seine aktuelle Entwicklung gerade hier und jetzt braucht.


Eine echte Liebestat

Für mich persönlich ergaben sich im Nachklang des Seminars in vielerlei Hinsicht wertvolle Impulse. Als Mutter einerseits, aber auch im Berufsalltag als Therapeutin. Man kann schließlich nicht nur Kinder in entsprechender Weise hinstellen und wahrnehmen.


Besonders hat mich aber auch mit einem Gefühl der Dankbarkeit und Demut erfüllt, zu erleben, wie sich eine Lehrerin in solcher Weise den ihr anvertrauten Schülern hinzugeben vermochte. Eine echte Liebes-Tat, wie ich finde. Ein anvertrautes Kind (nicht das eigene!) mit voller Aufmerksamkeit zu betrachten, ohne es ändern zu wollen, nur mit der Absicht, herauszufinden, worin die aktuelle eigene Aufgabe in der Beziehung zu dem Kind liegt. Das hat mich tief berührt. Genau DAS wünsche ich mir als Mutter von den Erziehern und Lehrern dieser Welt. Und natürlich auch von mir selbst.



Irena Berger ist Gestalttherapeuthin und Permakultur-Designerin und betreibt seit 2024 das „Pfefferkorn“, einen kleinen Laden und Begegnungsraum, u. a. nach Gesichtspunkten der sozialen Dreigliederung, in Nürnberg.

 


 

 

 

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