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KÜNSTLICHE INTELLIGENZ UND DIE FREIHEIT DES MENSCHEN

VOM ABSTRAKTEN ZUM IMAGINATIVEN DENKEN

Von CHRISTOPH HUECK


Edvard Munch, Rodin's „Denker" in Dr. Linde's Garden
Edvard Munch, Rodin's „Denker" in Dr. Linde's Garden

Editorial erWACHSEN&WERDEN 04/26

 

Liebe Leserinnen und Leser,


in atemberaubender Geschwindigkeit hat die künstliche Intelligenz (KI) Einzug in unseren Alltag gehalten. Für Millionen von Menschen sind die Portale der Online-Anbieter wie ChatGPT und andere bereits zum selbstverständlichen Werkzeug für Informationssuche und wohl auch zur persönlichen Anregung und Unterhaltung geworden. Und abgesehen davon, dass diese Maschinen auch „phantasieren“, also falsche Ergebnisse liefern können – weshalb man sich keinesfalls allein auf sie verlassen sollte – sind die Möglichkeiten zur Informationsbeschaffung um ein Vielfaches schneller, gründlicher und umfassender als mit herkömmlichen Internetsuchen.


Selbstverständlich wird viel Kritisches über die KI gesagt und geschrieben, es wird gespöttelt und vor allem gewarnt, während die neue Technik von Anderen begeistert begrüßt wird – und das soll hier nicht wiederholt werden. Doch schauen wir einmal auf den größeren Zusammenhang der Technisierung des menschlichen Lebens.


Als im 18. Jahrhundert die Dampf- und die Webmaschine erfunden und dann ab den 1820er Jahren Eisenbahnen gebaut wurden, begann eine Zeit, in der die Menschheit ihre physische Arbeit an die Maschinen abgeben konnten. Der menschliche Wille wurde sozuagen in die Maschine ausgelagert. Als dann in den 1920er Jahren das Radio und das Grammophon, und ab 1950 das Fernsehen Einzug in die Lebenswelt hielten, brauchte die Menschheit auch ihr Gefühlsleben nicht mehr durch eigene Tätigkeit selbst zu pflegen, sondern konnte es sich bequem von außen anregen lassen. Und mit der Verfügbarkeit des Internets ab den 2000er Jahren sowie der KI-Portale ab 2022 wird nun auch ein großer Teil der menschlichen Verstandestätigkeit an die Maschine übertragen. Die Menschheit hat also sozusagen um sich herum ein technisches Abbild ihrer selbst geschaffen: willenshafte Mechanik, gefühlsmäßige Unterhaltungselektronik, und intelligenzartige Digitaltechnik.


Damit haben wir uns – positiv ausgedrückt – viel Arbeit, Mühe und Zeit erspart. Aber was fangen wir nun damit an? Und welche Signatur spricht sich darin aus?


Rudolf Steiner schrieb einmal, dass es eine große Kulturaufgabe sei, vom abstrakten zum imaginativen Denken aufzusteigen.1 Das abstrakte Denken, das die Menschheit jahrhundertelang geübt hat, beherrscht ja das gesamte technisierte Leben, das gesellschaftliche Miteinander, und weitgehend auch die geistigen Kulturtätigkeiten. In alten Kulturen gab es dagegen ein bildhaftes, aber träumerisches Denken. Das abstrakte Denken hat uns wach gemacht, aber um den Preis, dass es innerlich tot, „erstorben“ ist. Es lebt und es belebt nicht mehr. Doch kann das Denken selbst neu durch Fühlen und Wollen mit innerer Wärme und Lebenswirklichkeit erfüllt werden. Dieses verlebendigte Denken bezeichnet die Anthroposophie als „Imagination“.


Wenn nun nach Rudolf Steiner die Entwicklung des imaginativen Denkens die große Kulturaufgabe unserer Zeit ist – wie das nebenstehende Zitat sagt -, dann fällt ein neues Licht auf den Freiraum, der durch die technische Auslagerung der menschlichen Willens-, Gefühls- und Denktätigkeit entstanden ist. Denn dieser freie Raum kann es ermöglichen, und kann auch dazu anregen, die abstrakte Leere des Denkens von innen heraus neu mit Leben zu erfüllen. Mit anderen Worten: Wenn wir die durch die Technisierung gewonnene Zeit nicht verdaddeln, sondern für Meditation und andere geistige Tätigkeiten nutzen, für das Studium der Anthroposophie, für künstlerische Tätigkeit, für herzwärmende und geisterfüllte soziale Begegnungen, dann arbeiten wir mit an der Zukunftsaufgabe der Menschheit. Das kann aber heute nur aus ganz freier Tätigkeit geschehen. Und auch das muss so sein. Freiheit ist die andere Seite der Technisiserung, und beide zusammen sind ein Signum unserer Zeit.

Rudolf Steiner schrieb 1922, 100 Jahre vor Einführung von ChatGPT:


Das abstrakte Denken ist nur eine Durchgangsstufe der denkerischen Fähigkeit. Wer es in seiner völligen Reinheit erlebt hat, wer seine Kälte und Kraftlosigkeit, aber auch seine Durchsichtigkeit mit vollem menschlichen Anteil in sich aufgenommen hat, der kann bei ihm nicht stehen bleiben. Es ist ein totes Denken; aber es kann zum Leben erweckt werden. Es hat die Bildhaftigkeit verloren, die es [in früheren Kulturen] als Traumerlebnis gehabt hat; aber es kann diese wieder erringen im Lichte eines intensiveren Bewusstseins. Von traumhafter Bildlichkeit durch vollbewusste Abstraktion zur ebenso vollbewussten Imagination: das ist der Entwickelungsgang des menschlichen Denkens. Der Aufstieg zu dieser bewussten Imagination steht als Zukunftsaufgabe vor der abendländischen Menschheit. Goethe hat einen Anfang damit gemacht, indem er für das Verständnis der Pflanzengestaltung das Ideenbild der Urpflanze forderte. Und dieses imaginative Denken kann wieder Impulse des Handelns aus sich heraustreiben.“1

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre unserer neuen Ausgabe, eine belebende Frühlingszeit und ein freudiges Auferstehungsfest.


Literatur


 1 Rudolf Steiner: Die Flucht aus dem Denken (1922). GA 36, Dornach 1961, S. 86-90.


Abbildung





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