Anthroposophisches Hase- und Igelspiel
- Martin Cuno

- vor 1 Tag
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Eine Antwort auf das Editorial von erWACHSEN&WERDEN 06/26

Der Beitrag von Martin Cuno erschien im „Schmetterling 119" des Vereins „Lernen fürs Leben e.V.". Er nimmt Bezug sowohl auf das aktuelle Editorial (06/26) von Andreas Neider als auch auf die Schulgründungs-Initiative des Vereins und fragt, inwiefern anthroposophische Initiativen ihrer Zeit voraus sein können.
Die Redaktion von erWACHSEN&WERDEN versteht es jeweils, kurz vor Erscheinen der neuen Ausgabe Spannung aufzubauen, indem sie das Editorial bereits veröffentlicht. Unser Blick auf die bunten Embleme sagt sofort: das geht uns besonders an, da wir ja eine Schule werden wollen, die sich auf eins oder mehrere der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung bezieht!
Für das Erreichen der Ziele muss man das Holz selbst herbeischaffen
Und damit sind wir mitten in der Aufregung drin. Denn es hat sich munkelnd herumgesprochen, dass mit den hehren 17 Zielen (gegen die man „nichts haben kann“) etwas ganz anderes gemeint sein könnte – jedenfalls geht doch die zur Zeit sichtbare Entwicklung in konträre Richtung?
Das ändert nicht das geringste an unserm Schulkonzept, das wir unabhängig von den „17 Zielen“ aufgestellt haben. Wir finden, was wir wollen, darin wieder. Nichtsdestotrotz kann man gegen Andreas Neiders kurze Analyse genausowenig haben wie gegen die Ziele. Nein, Waldorfpädagogik kann sich daraus keinesfalls ableiten. Und die „seit den 100-Jahrfeiern der Waldorfschulen im Jahr 2019 immer mehr um sich greifenden Neudefinitionen dessen, was Waldorfpädagogik eigentlich sei, und welchen Zielen sie sich nunmehr verschrieben hat“ – nun ja, die sind Papier wie anderes Papier, wie die 17 Ziele auch sind, oder wie es aus dem Kopf geborene Papiere und Weltbeglückungsprogramme auch zu Steiners Zeiten schon zur Genüge gab. Die hat er denn auch zur Genüge bespottet – nicht wegen der enthaltenen Ziele. Es ging ihm darum, woher die Kraft kommen kann zum Aufbruch und zum Weg auf diese Ziele hin. Es nütze nichts, zum Ofen zu sagen „Werde warm!“; man müsse selbst Holz herbeischaffen.
Geht es um einen Wettbewerb?
Und Neider hat recht: Worin sollen Waldorfschulen sich heute von anderen „am Zeitgeist orientierten Schulen“ unterscheiden, die doch auf dieselben Ziele zusteuern können? Die Frage „Quo vadis?“ stehe für Waldorf im Raum, schließt Neider.
Nun, man wird bis auf weiteres noch genügend Alleinstellungsmerkmale für Waldorfschulen finden. Allerdings springen sie weniger ins Auge, werden im Vergleich mit andern Wettbewerbern weniger wahrgenommen, weil sie durchs Wettbewerbs-Raster fallen.
Aber das ist genau der Punkt: das bisherige „Erfolgsmodell Waldorf“ basiert ja gar nicht auf einem Wettbewerb, sondern auf einem Pseudo-Wettbewerb, nämlich auf dem „anthroposophischen Hase-und-Igel-Effekt".
Das ist ein Wettbewerb, der nur von der einen, der unterlegenen Seite als solcher wahrgenommen wird. Auf der anderen Seite steht ein besonderes Können. Was meine ich?
Anthroposphische Praxis in den vergangenen Jahrzehnten
Öfters, insbesondere in vergangenen Jahrzehnten, als im bundesrepublikanischen Frieden und Wohlstand die Alternativbewegungen entstanden und wuchsen, wurde bemerkt, dass „die Anthroposophen“ schon viel früher auf Errungenschaften gekommen waren, wie sie jetzt
dem neuen Zeitgeist zu entsprechen schienen. Je nach Gefühlslage bewunderte man oder ärgerte sich darüber, dass die Anthros „immer schon da“ waren, wie der Igel im Märchen. Die Beispiele sind bekannt:
eine „biologische“, die Naturgrundlagen achtende Landwirtschaft
eine Bank, die das Geldleihen (und -schenken) unter „ethischen“ Gesichtspunkten betreibt
eine Medizin, die „ganzheitliche“ Faktoren einbezieht
eine Pädagogik, die „Kopf, Herz und Hand“ gleichermaßen beachtet, in der die Individualitäten von Kindern und Erwachsenen Vorrang vor Leistungs-Schemata haben, und in der demgemäß „Selbstverwaltung“ und Autonomie gewährleistet sein muss
usw.
Frage also: Woran liegt das? Haben die Anthros schnellere Beine? Hat Steiner in seinem Kopf vorausschauender gedacht? Leben wir deswegen im Genuss des stets schon gewonnenen Wettlaufs, und in der Gefahr entsprechender Arroganz?
Hase versus Igel
Der Igel jedoch hatte keine schnelleren Beine; diese waren wirklich krumm. Er neigte auch gar nicht zur Arroganz. Er beteiligte sich nicht an einem irren Wettlauf. Er war es auch nicht, der den Hasen ablehnte oder provozierte. Höchstens, dass er sich entschloss, den Hasen für seine Eitelkeit „bezahlen“ zu lassen.
Der Unterschied liegt in der Daseinsweise. Der Hase ist ein Bürgerlicher. Er lebt in sich, identifiziert sich mit seiner ansehnlichen Gestalt. Wenn er an einem andern Ort sein will, muss er sich dort hinbegeben. Das kann er mit Schnelligkeit, und diese Schnelligkeit kann er mit andern messen. Sich selbst findet er in diesem Vergleich einzigartig; sonst wäre ihm das Schondasein des Igels nicht so unerträglich gewesen, dass er sich in 74 Wiederholungen zu Tode rannte.
Der Igel dagegen lebt doppelt, in sich und in seiner Frau, seinem jeweiligen anderen Ich. Deswegen nehmen wir ihm den ruppigen Ton gegenüber seiner Frau auch nicht übel, denn sie ist ja er selbst. Er verwandelt sich stets in Andere. Ein Vergnügen ist das nicht: seine Frau hat genauso krumme Beine wie er. Aber genau dadurch ist er immer „schon da“.
Gewiss besteht die Gefahr, Märchen überzustrapazieren. Aber die Wettlauf-Geschichte fand ich schon 2011 passend für die damals aufkommende Rede vom „langen langen Weg“ zur Inklusion; der Artikel ist noch auf „Erziehungskunst“ zu lesen. Wer „Heterogenität“ schon zutiefst in sich hat, kann, wie Steiner, den andern durchaus etwas über Inklusion beibringen, ohne das Wort zu benutzen. Inklusion lebt dann vielleicht tiefer als dort, wo man sich auf den „langen langen Weg“ macht.
Nicht dass wir selbst, die Einzelnen, uns einbilden sollten, über des Igels „Kunst des Verschiedenseins“ (Karl Ballmer) zu verfügen. Aber, um nochmals an Irene Diet anzuschließen: dass Rudolf Steiner in diesem Sinne „andere Wesenheit in sich einschließt“, diese Sichtweise kann heute ein durchaus rationaler Zugang zum Urheber der Anthroposophie sein. Man kann das Früher-Dasein Steiners als Gabe der Voraussicht (das „Astloch“ zum Gucken) interpretieren; besser aber lässt es sich als Ausdehnung seines Selbst über die Nöte und Bedürfnisse der Menschheit verstehen: „Besorgt das Weltgeschäft aus Egoismus!“, schreibt er 1890 in einem Aufsatz zur Verteidigung des „Egoisten“ Max Stirner. „Nicht selbstlos soll der Mensch werden; das kann er nicht. Und wer sagt, er kann es, der lügt. Aber die Selbstsucht kann sich bis zu den höchsten Weltinteressen aufschwingen. Ich kann die Angelegenheiten der ganzen Menschheit besorgen, weil sie mich ebenso wie meine eigenen interessieren, weil sie zu meinen eigenen geworden sind.“ 1 Das also wäre das Geheimnis des Schon-da-Seins?
Ein Wettlauf kann zu ganz anderen Zielen führen...
Und was ist, wenn man von diesem seltsamen geistigen Zeugs, von dem Igel-Effekt nichts wissen will? Wenn Waldorfs und Anthros sich lieber auf den handfesten Wettlauf einlassen – jetzt wirklich als Wett- und Hinterherlauf? Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, wie bezüglich der obigen Beispiele der Wettlauf bei ganz anderen Zielen enden könnte, als … man früher einmal träumte:
eine lupenreine schadstofffreie Landwirtschaft (oder etwa Produktion von Labor-Nahrungsmitteln?), die jedoch eine „Weiterpflege der Natur“2 gar nicht mehr im Bewusstsein hat, nach einem neuen Verhältnis zu Tier und Pflanze gar nicht mehr sucht?
ein Geldwesen, das blütenreine weiße Westen für die einen ermöglicht, aber sich um die andern nicht mehr kümmert?
eine Medizin, die perfekte Abwesenheit von Krankheit herstellt, aber mit dem gesunden Durchleben von Krankheitsprozessen nichts mehr anfangen kann?
eine Pädagogik, die aus meinem Kind ein allseitig ausgerüstetes macht (das im Lebenswettlauf eine gute Startposition hat), aber …?
Literaturhinweise
1 „Der geniale Mensch“, in GA 30, fehlt aber im online-Text.
2 Steiner im „Landwirtschaftlichen Kurs“, S.21, GA 327

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