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Was sind Ziele der Waldorf-Pädagogik?





Editorial erWACHSEN&WERDEN 06/26

 

Liebe Leserinnen und Leser,


wir beginnen diese Pfingstausgabe von erWachsen&Werden mit einer zunächst sehr grundsätzlich erscheinenden Frage: Worin besteht Erziehung in der Schule heute, und was sind die Ziele des Erziehens?


Fragt man dazu beim Bund der Freien Waldorfschulen nach, was die Waldorfschulen heute als ihre Erziehungsziele ansehen, so finden sich auf der Webseite https://www.waldorfschule-bne.de/ unter der Überschrift „Waldorfschule: Bildung für eine sozial-ökologische Zukunft“ 17 sogenannte „Nachhaltigkeitsziele“, die nicht etwa von den Waldorfschulen selbst formuliert, sondern bereits im Jahre 2015 von der UNO festgesetzt worden sind.


Diese finden sich auf der Webseite der Vereinten Nationen: https://sdgs.un.org/goals

  1. Keine Armut

  2. Kein Hunger

  3. Gesundheit und Wohlergehen

  4. Hochwertige Bildung

  5. Geschlechtergleichstellung

  6. Sauberes Wasser und Sanitärversorgung

  7. Bezahlbare und saubere Energie

  8. Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum

  9. Industrie, Innovation und Infrastruktur

  10. Weniger Ungleichheiten

  11. Nachhaltige Städte und Gemeinden

  12. Nachhaltiger Konsum und Produktion

  13. Maßnahmen zum Klimaschutz

  14. Leben unter Wasser

  15. Leben an Land

  16. Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen

  17. Partnerschaften zur Erreichung der Ziele


Zunächst könnte man natürlich nicken und sagen: Wer sollte da etwas dagegen haben, das wollen doch eigentlich alle Menschen, dass es der Menschheit auf der Erde gut geht, und dass diese Erde dazu auch wieder in einen gesunden Zustand versetzt werden muss?


Liest man das Ganze aber nochmals durch, dann fragt man sich, wieso und seit wann schließen sich die Waldorfschulen politischen Zielsetzungen an, die von der UNO beschlossen worden sind? Sind das nicht Aufgaben, die in den Bereich des politischen Lebens, also des Rechtslebens gehören, anstatt dass sie in den Bereich des Geisteslebens überführt und zugleich zu Erziehungszielen einer „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) umformuliert werden?


In einem dazu 2023 erschienenen Grundsatzartikel hat ein vierköpfiges Autorenteam für den BdFWS die Grundlinien einer solchen Bildung für nachhaltige Entwicklung formuliert und dabei vier Kernkompetenzen aufgezählt, um die es der Waldorfpädagogik heute angesichts der 17 Nachhaltigkeitsziele gehen müsse:

1.    Erlebnisfähigkeit

2.   Urteilsfähigkeit in komplexen Zusammenhängen

3.   Zukünftiges (er-)finden und erkennen

4.  Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit – aus Erkenntnis handeln können


Auch hierzu könnte man zunächst nicken und sich sagen, dass dagegen wohl niemand etwas einwenden könne.


Aber, so wird sich derjenige, der mit den Grundlagen der Waldorfpädagogik, wie sie Rudolf Steiner entwickelt hat, einigermaßen vertraut ist, fragen: Sind das tatsächlich die Ziele, um die es Steiner gegangen ist?


  1. Wollte Steiner nicht eine freie Schule, die weder vom Staat noch von der Wirtschaft gesagt bekommt, in welche Richtung die Schülerinnen und Schüler zu erziehen seien?

  2. Wollte Steiner nicht eine Pädagogik, in der die Lehrenden sich in erster Linie an der geistigen Erkenntnis des Menschen nach Leib, Seele und Geist orientieren und nicht an äußeren gesellschaftlichen Gegebenheiten?

  3. Wollte Steiner nicht eine Schule, in der aus einem künstlerischen Ansatz heraus unterrichtet wird, methodisch einzig und allein am Wesen des Kindes orientiert?

  4. Ging es ihm nicht darum, die Kinder in dem Sinne lebenstüchtig zu machen, dass sie die von ihnen aus dem Vorgeburtlichen mitgebrachten Fähigkeiten (Kompetenzen) in das soziale Leben in je individueller Weise einbringen können?


Dass es in der Erziehung also gar nicht darum geht, sich bestimmte Kompetenzen erst zu erwerben, sondern die mitgebrachten Kompetenzen aus sich heraus zu entwickeln, ohne vom Staat oder der Wirtschaft vorgegebene Ziele?


Je mehr man sich also in die eigentlichen Grundlagen der Waldorfpädagogik vertieft, umso fragwürdiger erscheinen einem diese besonders seit den 100-Jahrfeiern der Waldorfschulen im Jahr 2019 immer mehr um sich greifenden Neudefinitionen dessen, was Waldorfpädagogik eigentlich sei, und welchen Zielen sie sich nunmehr verschrieben hat.


Und es stellt sich auch die Frage: Wodurch unterscheiden sich die Waldorfschulen denn dann in Zukunft noch von anderen Schulen, wenn sie Erziehungsziele definieren, die von staatlicher Seite so allgemein gehalten sind, dass sie sich jede am Zeitgeist orientierte Schule nicht auch zum Ziel setzen könnte? Haben die Waldorfschulen denn dann überhaupt noch eine Berechtigung, wenn sie sich solchen Zielen verschreiben, die sich mehr oder weniger jede andere Schule auch geben könnte?


Sollten sich die Waldorfschulen nicht vielmehr auf ihre eigentlichen Stärken und Grundlagen besinnen, wie sie in den oben genannten vier Grundsätzen dargestellt sind:

  • Menschenerkenntnis

  • Erzierhung als künsterischer Tätigkeit

  • Willenserziehung: aus dem Vorgeburtlichen mitgebrachte Kompetenzen zur Entfaltung verhelfen.

  • Freiheit von staatlichen und wirtschaftlichen Vorgaben im Erziehungswesen


Diese Frage nach dem „Quo vadis?“, so meine ich jedenfalls, sollte sich heute wohl jeder stellen, dem an der Zukunft dieser Pädagogik etwas gelegen ist.

 
 
 

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