Erzengel Michael – Die Überwindung der Drachenkräfte in der eigenen Seele

Editorial erWACHSEN&WERDEN 10/26
Liebe Leserinnen und Leser,
Mit dem Michaeli-Tag am 29. September begann eine Festeszeit, die bis zum 31. Oktober währt. Die Herbst-Tag-und-Nachtgleiche ist überschritten, die Nacht beginnt den Tag zu überwiegen. Die Lebenskräfte der Natur ziehen sich ins Innere zurück. Die Fruchtbildung ist abgeschlossen. Der Ertrag des Jahres kann geerntet werden.
Was hat es mit diesem Fest auf sich?
Die Michaelsimagination in der Apokalypse
Vom Evangelisten Johannes erfahren wir, was ihm in seiner Offenbarung über das Ur-Innerste des Seins, des geistig Wesenhaften der Welt offenbart worden ist. Er schreibt von gewaltigen Bildern. Gottes Allerheiligstes hatte sich ihm geöffnet[1] ...
"Und es erschien ein Zeichen groß am Himmel: ein Weib, umkleidet mit der Sonne, den Mond unter ihren Füßen, über ihrem Haupte die Krone der zwölf Sterne. Sie trägt ein Kind unter dem Herzen, und ihr Schrei ist voller Kraft, denn die Schmerzen des Gebärens sind groß.
Und es erschien ein anderes Zeichen am Himmel: siehe, der große Drache in feuriger Glut. Er hat sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Diademe. Sein Schwanz raffte den dritten Teil der Sterne des Himmels zusammen und warf sie auf die Erde. Und der Drache stellte sich vor das Weib, das gebären sollte, um das Kind zu verschlingen, sobald es geboren wäre. Und sie gebar den Sohn. Er soll ein Hirte sein aller Völker, er soll sie führen mit ehernem Stabe."[2]
Gott nahm ihr das Kind und holte es zu sich an seinen Thron. Das Weib floh in die Einsamkeit, wo Gott ihr einen Ort bereitete. Nun entbrannte ein Krieg im Himmel. Der Erzengel Michael kämpfte mit seinen Engeln gegen den Drachen. Dabei verlor dieser seine Kraft und stürzte aus dem Himmel auf die Erde. Er ist die Schlange des Welturbeginns, die Verwirrung über die ganze Erde bringt, deren Name Teufel und Satan ist.
Er verfolgt das Weib auf der Erde. Sie erhält aber Hilfe und flüchtet an einen einsamen Ort.
"Und der Drache wütete wider das Weib und zog aus, einen Krieg zu entfesseln gegen alle die anderen, die ihr entstammten. Das sind die Menschen, die in sich bewahren die Weltenziele Gottes und die den Mut nicht sinken lassen, aus dieser Kraft zu wirken. Und der Drache stellte sich auf am Ufer des Meeres.[3]
Diese große Imagination zeigt ein Ereignis des Makrokosmos – und wir können fühlen, dass es auch uns selbst, den Mikrokosmos, betrifft: Die Seele will das ICH gebären, aber überall sind Drachenkräfte bereit, die Geburt und Kräftigung unseres Gottesfunken zu verunmöglichen. Gestresst, überfordert, abgelenkt und ausgelaugt gefallen wir dem Drachen am besten und er weiß, wie er uns in diese Zustände (ver)führen kann.
Michaelsfest im Waldorfkindergarten
In Waldorfkindergärten spielen die Kinder in dieser Zeit einen Reigen, in dem der heilige Ritter Georg die Königstochter mit seinem Schwert aus der Gefangenschaft des Drachens befreit. Dazu singen sie Lieder, in denen sie sich mit dem starken und mutigen Rittersmann identifizieren, zu dem sie selbst einmal werden wollen. Sie stählen ihren Mut beim Balancieren über „Abgründe“ und bei der Schatzsuche in einer finsteren Höhle. Der Gruppenraum ist edel in Karminrot und mit grünen Efeuranken geschmückt.
Da üben die Kinder im Spiel, wozu sie später ihre eigene Entwicklung aufruft: Mutig und furchtlos nicht den Einflüsterungen des Drachen zu folgen – Gier/Konsum/Ablenkung, Angst u.v.m. – sondern mit Entschlossenheit dem Wahren, Schönen und Guten, dessen Diener der hochstehende Erzengel Michael ist.
Rudolf Steiner weist darauf hin, dass die Erfahrung der Kinderseele, das Gute und Schöne gefühlsmäßig zu verehren und das Böse und Hässliche zu verabscheuen, später in der Krise der Seeleneinsamkeit als Hilfe und Orientierung dienen kann. Michaelische Impulse durchziehen die gesamte Waldorfpädagogik.
Beiträge in der Michaeli-Ausgabe von erWACHSEN&WERDEN
Ein Zeugnis des Mutes lesen Sie im Bericht der Mutter und „Botschafterin der Mütter der Neuen Zeit“ Alina Chytil, die den Entwicklungsauftrag annimmt, den ihr Kind ihr erteilt, mit Fragen lebt, sich dabei ihren Schattenseiten stellt und das Wunder empfängt, S. 8-14.
Der Französischlehrer Siegmund Baldszun zeigt den Ort auf, von dem aus Unterricht heute den Schülern das zu geben vermag, wonach sie sich sehnen, S. 15-21.
Darum geht es auch dem Waldorflehrer Christian Breme vom Gesichtspunkt der Beziehungsfähigkeit aus. Er erläutert das Anliegen seines neu erscheinenden Buches „Was uns bewegt – Der Weg zur Beziehungsfähigkeit: 95 Impulse für Elternhaus und Schule“, S. 47-50.
Die Grundvoraussetzung dafür, die eigenen und fremden Seelenregungen und Entwicklungsaufforderungen bewusst wahrzunehmen, ist die Fähigkeit des Lauschenkönnens. Reinhild Brass zeigt eine Methode auf, wie in einer Gemeinschaft ein Hörraum entstehen kann, S. 38-41.
Über die Gefahren des Fertigspielzeugs für das kindliche Phantasiepotential um das siebte Lebensjahr lesen Sie den ersten Teil der Beitragsreihe von Dr. Andreas Matner auf den Seiten 22-29.
Antje Bek zeigt in ihrem Artikel, wie die Kinder vom konkreten Erleben des Zahlenbegriffes – Einheit, Zweiheit, … Vierheit – zu den römischen und arabischen Ziffern geführt werden können, S. 42-46.
Der Beitrag zum Rotkäppchen befasst sich mit der Problematik der sich in Fleisch und Blut inkarnierenden Geist-Seele des Menschen und ihren Erlebnissen auf der Erde mit dem Drachen (Wolf), S. 31-37.
Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.
Literatur
[1]Apokalypse 11, 19
[2]Apokalypse. 12,1-18 in der Übersetzung von Johannes Lauten, Ich sah den Himmel aufgetan – Wege zur Apokalypse, Urachhaus, Stuttgart 2006
[3] ebd., Apk. 12, 17-18
Foto
© Roman Eisele mit freundlicher Genehmigung der Ev. Kirchengemeinde St. Michael und St. Katharina/ CC BY-SA 4.0


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