Kunst in der Pädagogik – Eine Würdigung von Friedrich Schillers Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“
- Svenja Herget

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Von Svenja Herget

Friedrich Schiller (1759-1805)
Kupferstich nach einem Porträt von Ludovike Simanowiz (1794)
Was macht einen Menschen dazu fähig, ein Gemeinwesen zu begründen? Diese Frage stellte sich Friedrich Schiller angesichts der gescheiterten Französischen Revolution von 1789, deren Befürworter er ursprünglich gewesen war.
In 28 Briefen legte Schiller 1794 seine Überlegungen dar. Sie waren schon einmal Gegenstand eines Artikels in der Zeitschrift erWACHSEN&WERDEN[1]. Schillers Zeitgenossen hatten den Kopf über die Briefe geschüttelt und darüber geklagt, dass man den Inhalt nicht verstehen könne. In der Tat sind sie sehr schwer zu lesen und zu verstehen. Mir ging es zum ersten Mal in meinem Leben so, dass ich dachte: Ich lese deutsche Sätze, aber ich verstehe sie nicht. Doch als ich sie später zum zweiten Mal und diesmal mit einer bestimmten Frage las, begann ich immer mehr davon zu verstehen.
Schiller gibt seinem Werk den Titel „ästhetische Erziehung“, doch in seinen Briefen werden kein einziges Mal Kinder erwähnt. Wen will er denn erziehen, um ein neues, gerechteres und menschlicheres Staatswesen zu begründen?
Das Problem ist, dass Schillers Ausführungen überaus philosophisch und theoretisch gefasst sind. Es mangelt an praktischen Hinweisen. Schiller gibt gerade einmal allgemein die Richtung vor, in die es gehen kann: Er nennt die Kunst als Wegweiser.
Parallelen zur heutigen Zeit
Wohl aus diesen Gründen zählen Schillers Ästhetische Briefe zu seinen am wenigsten beachteten Schriften - völlig zu Unrecht. Hier ist noch ein Schatz zu heben, zumal nicht wenige Menschen heute die Zeitumstände als ähnlich wie vor der Französischen Revolution betrachten: eine verdorbene politische Klasse und ein zunehmend aufgebrachtes Volk. Und dass ein neues Bildungskonzept nötig ist, bestreitet auch kaum mehr jemand.
Mitte des 19. Jahrhunderts griff ein wenig bekannter Pädagoge namens Heinrich Deinhardt Schillers Ästhetische Briefe auf und schrieb ein fast 200-seitiges Buch darüber.[2] Ich finde es mindestens ebenso schwer zu lesen wie Schillers Briefe selbst. Auch dieses Buch blieb weitgehend unbemerkt und seine Inhalte fanden keinen Einzug in die Pädagogik. „Niemand hat sich interessiert dafür, daß aus diesen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen gezogen werden kann etwas, was das ganze geistige Niveau der Menschheit durch eine ungeheuer tiefe soziale Volkspädagogik heben könnte.“, sagte Rudolf Steiner später.[3] Heinrich Deinhardt, der heute als der Begründer der Heilpädagogik gilt, war mit Karl Julius Schröer befreundet, der später an der Universität Wien Rudolf Steiners Mentor und väterlicher Freund war. So brachte Schröer seinem Schüler Steiner nicht nur Goethe sondern auch Schiller und dessen Ästhetische Briefe nahe.

Heinrich Marianus Deinhardt (1821-1880)
In meinem Telegram-Kanal habe ich Schillers Briefe im Sommer 2025 einzeln vorgelesen (die Lesungen habe ich anschließend in einem eigenen Telegram-Kanal zum Nachhören zusammengefasst[4]). Doch trotz meiner vorsichtigen Erläuterungen am Ende eines jeden Briefes erzählen mir viele Menschen, dass sie nach einigen Lesungen ausgestiegen sind - die Briefe seien einfach zu schwer zu verstehen.
Schiller durch Rudolf Steiner verstehen
So schlage ich eine andere Herangehensweise vor. Wir haben ja das große Glück, dass wir nicht, so wie es Rudolf Steiner noch tun musste, anhand von Schillers theoretischen Ausführungen eine Pädagogik entwickeln müssen. Vielmehr können wir in der Pädagogik, die Rudolf Steiner entwickelt hat, das suchen, was Schiller meinte. Und da finden wir eine ganze Menge!
Zunächst einmal fand Schiller keine Lösung für seine Forderung, man müsse einen Ort schaffen, an dem man seine Ästhetische Erziehung praktizieren könne. Denn der Staat müsse ja weiter existieren, während gleichzeitig junge Menschen heranwachsen würden, die anschließend fast wie Fremde in die Heimat zurückkämen und einen neuen Staat aufbauen würden: „(…) das lebendige Uhrwerk des Staats muss gebessert werden, indem es schlägt, und hier gilt es, das rollende Rad während seines Umschwungs auszutauschen“.[5]
Orte für eine „ästhetische Erziehung"
Als einen solchen Ort können wir die freie Waldorfschule sehen, nämlich die vom Staat unabhängige Schule. Rudolf Steiner stellte sie sich völlig frei vor, und zu ihrem Beginn, kurz nach Einführung der allgemeinen Schulpflicht 1919, hatte sie auch noch viel weniger Vorgaben als heute. Heute wird sie von Vorgaben, aber auch von Fördergeldern (die die Schule eben nur unter bestimmten Bedingungen erhält) abhängig, was einerseits die Existenz der Waldorfschulen ermöglicht, andererseits aber auch zu Anpassungen führen kann.
Doch es gibt noch einen weiteren Ort, und ich wundere mich, dass dieser weder in Schillers Briefen noch in Deinhardts Buch genannt wird: die Familie. Jede Familie ist ein gewisser „Staat im Staate“ und kann ihre eigenen Regeln aufstellen und ihre eigenen Vorstellungen verwirklichen. Jeder von uns kann in seiner Familie Schillers ästhetische Erziehung lebendig werden lassen.
Was ist „ästhetische Erziehung"?
Nachdem wir diese beiden Orte identifiziert und gefunden haben, können wir uns dem widmen, wie eine „ästhetische Erziehung“ überhaupt aussehen kann. In meinem Buch „Häusliche Bildung für Körper, Geist und Seele, Band I: Erziehung nach Goethe, Schiller und der Pädagogik Rudolf Steiners“ habe ich ausführlich die drei von Schiller genannten Punkte erläutert, die ihm zufolge den ganzen Menschen ausmachen und ihn dazu befähigen, sich zu einem Gemeinwesen zusammenzuschließen.
Sie lauten: „Spiel“, „Putz“ und „schöner Schein“.[6]
Gemeint ist die „schöne Kunst“[7] und das kreative Schaffen in allen ihren Aspekten. Doch was bedeutet Kunst? Sollen wir nun mit unseren Kindern ständig in Kunstausstellungen gehen? Und würde das ihr „Menschsein veredeln“, wie es Schiller als Ziel hat?[8]
Allen voran spricht Rudolf Steiner von „Erziehungskunst“ und drückt damit aus, dass die Erziehung selbst eine Kunst ist.
Zudem hat er uns einen Erziehungsentwurf hinterlassen, der durch und durch von Kunst im Sinne von künstlerischer Betätigung durchtränkt ist. Diese nimmt in Steiners Pädagogik einen äußerst großen Raum ein und soll im Folgenden ohne Anspruch auf Vollständigkeit dargestellt werden:
1. Musizieren
Der morgendliche Hauptunterricht an der Waldorfschule, der ca. 90 min umfasst, wird jeweils von einem sogenannten Rhythmischen Teil eingeleitet, in dem die Kinder singen, Sprüche (wie ihre Zeugnissprüche) aufsagen und auf der Flöte spielen (zuerst die C-Flöte und in höheren Klassen die Alt-Flöte). In den meisten Waldorfschulen gibt es ein Schulorchester. Jedem Kind wird empfohlen, neben der Flöte, die es im Klassenunterricht spielen lernt, ein weiteres Instrument zu erlernen.
Besonders in den Eingangsklassen gibt es zudem oft Singspiele mit Bewegung.
2. Malen und Zeichnen
Auch das Malen und Zeichnen hat in der Waldorfpädagogik eine wichtigen Platz. Beim Malen mit Aquarellfarben dürfen die Kinder die Qualität der unterschiedlichen Grundfarben erleben. „Vom Wesen der Farben“ lautet der Titel einer ausführlichen Schrift Rudolf Steiners. Bis in die Oberklassen bebildern die Schüler die Einträge in ihren Epochenheften. So erfassen sie das Erarbeitete nicht nur auf der sachlichen Ebene, sondern verleihen ihm auch auf künstlerische Weise Ausdruck.
Und in der Pflanzenepoche kann man besonders deutlich sehen, wie das genaue Abmalen der unterschiedlichen Pflanzen die Wahrnehmung schult.
Später betrachten die Schüler Kunstwerke. Es gibt eine Kunstepoche und eine Kunstfahrt nach Rom, um dort die Werke der großen Künstler anzusehen, die schon Goethe so sehr beeindruckt haben, dass er auf seiner Italienreise schrieb: „Wenn man aber auch diese sieht, so hat man nichts zu wünschen, als sie recht zu erkennen und dann in Friede hinzufahren.“[9]
Während beim Malen die Farbe im Vordergrund steht, geht es beim Zeichnen um die Spur. Rudolf Steiner hat das Formenzeichnen als Unterrichtsinhalt eingeführt. Es wird vor allem in der Unterstufe umfassend praktiziert. Später üben sich die Jugendlichen im Schwarz-weiß-Zeichnen und anderen Zeichenübungen.
3. Eurythmie
Eurythmie bedeutet „Bewegungskunst“. Man kann Sprache und Musik in der Bewegung Ausdruck verleihen. Gruppenprozesse können eurythmisch gestaltet werden. Ich durfte einmal ein Wochenendseminar der damals über 90-jährigen Annemarie Ehrlich miterleben, die Eurythmie für das Arbeitsleben entwickelt hat. Diese Erfahrung führte mich zu der Überzeugung: Wer derartige Bewegungen im Zusammenspiel ausführt, der kann im Team anders zusammenarbeiten und empathischer und rücksichtsvoller mit seinen Kollegen umgehen.
Einer der drei Elemente des sogenannten „Waldorfabschlusses“ nach der 12. Klasse ist der Eurythmieabschluss, bei dem sich die Schüler entweder einzeln oder in Gruppen öffentlich präsentieren.
4. Plastizieren und Künstlerisch-Praktischer Unterricht
Beim Plastizieren mit weißem Ton gestaltet man einen Gegenstand dreidimensional nach. Man muss die Proportionen, die Muskeln und die Gestalt eines Tieres genau beobachten, um es nachgestalten zu können, und man muss das eigene Produkt immer wieder mit dem Original abgleichen. Als Krönung plastiziert jeder Schüler in der Oberklasse über mehrere Wochen einen Kopf aus weißem Ton (dieser kann, wenn er gut in Plastik eingewickelt ist, über einen längeren Zeitraum bearbeitet werden und trocknet anschließend selbst). Durch dieses ausdauernde künstlerische Schaffen versteht man viel von der menschlichen Physiognomie!
5. Dichtkunst und Literatur
Sprachgestaltung und Dichtung werden in der Waldorfpädagogik hervorgehoben. Bei den öffentlichen Monatsfeiern tragen die Schüler klassenweise Gedichte und Balladen vor, auf deutsch und in den Fremdsprachen.
Schon ab der ersten Klasse lernen die Kinder außerdem mit dem „Erzählstoff“ künstlerische Textgestaltung kennen: Märchen, Fabeln, die Bibel sowie Sagen und Legenden.
6. Theaterspiel
Auch das szenische Spiel ist von Anfang an Bestandteil des Waldorfunterrichts. In den Fremdsprachen, die von der ersten Klasse an gepflegt werden, können sich die Kinder unbekannte Textstellen durch die Szene einprägen und ihren Inhalt erfassen. In der 8. Klasse gibt es die erste und in der 12. Klasse die zweite große, über Wochen eingeübte Theateraufführung.
Diese künstlerischen Tätigkeiten finden innerhalb eines Gebäudes statt, das selbst als Kunstwerk geplant, gebaut und gestaltet wird. Beim Bau einer Waldorfschule wird der Architektur, und zwar sowohl der Qualität der verwendeten Baumaterialien als auch der Ästhetik, ein großer Wert beigemessen. Die Klassenzimmer sind unterschiedlich strukturiert: in der Unterstufe einfach und hell, später komplexer, um das Denken der jungen Menschen zu fördern.
Erziehung als Kunst
Rudolf Steiner sieht die gesamte Erziehung und Unterrichtsgestaltung als Kunst. Jede einzelne Unterrichtsstunde ist ein Kunstwerk und folgt einem dreigeteilten Rhythmus. Dazu kommt die Kunst, eine Klasse zu führen, die Kinder für etwas zu begeistern, die unterschiedlichen Temperamente zu berücksichtigen usw.
Schiller fragt sich in seinem letzten Brief, ob es einen derartigen „ästhetischen Staat“ geben könne, in dem die Menschen frei sind und gleiche Rechte haben und in dem Schönheit die Welt beglückt. Allgemein interpretiert man Schillers Antwort als Resignation, doch sie verweist auf den einzelnen. Man könne ihn „nur in einigen wenigen auserlesenen Zirkeln finden“, aber: „Dem Bedürfnis nach existiert er in jeder feingestimmten Seele.“[10]
Die durchkunstete anthroposophische Pädagogik, die Rudolf Steiner für die Waldorfschule entwickelt hat, kann jede Familie auch zuhause leben und gestalten, und sie kann auf diese Weise daran mitwirken, „den Staat der Noth mit dem Staat der Freyheit zu vertauschen“.[11]
Literatur
2 Deinhardt, Heinrich: Beiträge zur Würdigung Schillers, hrsg. von Dr. Günter Wachsmuth, Stuttgart 1922
3 Steiner, Rudolf: GA 195, S. 80f - siehe auch weitere Äußerungen Rudolf Steiners zu Heinrich Deinhardt unter https://anthrowiki.at/Heinrich_Marianus_Deinhardt
5 Schiller, Friedrich von: „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“, 3. Brief
6 ebd. 26. Brief
7 ebd. 9. Brief
8 ebd. 4. Brief
9 Goethe, J.W. von: Italienreise 6. September 1787
10 Schiller, 27. Brief
11 ebd. 4. Brief

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