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VOM WACHSEN UND WERDEN IN DER NATUR UND IN DER KINDHEIT

ERFAHRUNGEN IM WALDKLASSENZIMMER



Nach langer Onlineunterrichtszeit im zweiten Lockdown fasste ich mit meiner damaligen 8. Klasse, den Entschluss, unser Klassenspiel „Wilhelm Tell“, welches bis dahin nicht stattfinden konnte, im Wald, ohne Masken und Beschränkungen, fertig einzustudieren und aufzuführen. Nachdem wir einen idealen Ort gefunden und alle Genehmigungen beim Forst eingeholt hatten, probten wir drei Wochen lang ganztägig in der Natur und erfuhren ihre aufbauenden Kräfte. Nach der langen Zeit der Isolierung allein zu Hause war dies sehr belebend. Außerdem zeigte sich, trotz der sommerlichen heißen Tage, dass die Konzentration gar nicht so schwer zu erreichen war. Es gelang ein Ein- und Ausatmen durch intensives Proben in den natürlichen Kulissen und geselliges Loslassen bei Vogelgesang im Schatten der Bäume. Das war wirklich heilsam für die wunden Seelen der Achtklässler.


Nach dieser einzigartigen und für alle Beteiligten befreienden und aufbauenden Erfahrung in der Natur beschloss ich, die neue erste Klasse, die ich nach den Sommerferien übernehmen sollte, in einem Waldklassenzimmer zu empfangen. Es war mir undenkbar, 30 kleinen Kindern, die entwicklungsbeeinträchtigende Erfahrungen hinter sich hatten, mit einer Maske gegenüberzutreten. Mein größter Wunsch war es, ihnen im Herbst 2021 einen fröhlichen und unbeschwerten Schulstart zu ermöglichen. So trat ich noch vor den Sommerferien den neuen Eltern mit einem Konzept für einen Schulbeginn im Wald mutig entgegen und bat sie um ihre Unterstützung. Hier einige meiner damaligen Gedanken, nach der Coronakrise die unteren Sinne durch die Natur besonders zu stärken und als Grundlage für ein gelingendes schulisches Lernen wieder ein gesundes Gemeinschaftsempfinden zu schaffen.


In den ersten sieben Lebensjahren steht bei Kindern die gesunde Ausbildung der unteren vier Sinne (Tast-, Lebens-, Eigenbewegungs- und Gleichgewichtssinn) im Vordergrund. Diese Sinne richten sich ganz auf den eigenen Körper und die sieben Lebensprozesse (Atmung, Wärmung, Ernährung, Absonderung, Erhaltung, Wachstum und Reproduktion). Sie bilden die Basis für die Beziehung zum eigenen Körper sowie zum Raum und damit die Grundlage für Selbstvertrauen, Selbstbeherrschung, Selbstregulation, Selbstempfinden, Selbsterleben und ein gesundes Vertrauen in die Welt. Für das Lernen sind diese Grundlagen entscheidend.

 

Spätestens beim Schuleintritt erwartet die heutige Gesellschaft vom Kind, dass es nun bereit ist, Kulturtechniken (Schreiben, Lesen, Rechnen) zu erlernen. Es wird dabei oft vernachlässigt, dass die Erstklässler in der Schule anfangs eine völlig neue Erfahrung machen: Sie müssen sich in die große Gruppe Gleichaltriger einleben, ihren Platz darin finden und Vertrauen zu ihren Lehrerinnen fassen. Das Kind kann erst mit Freude und Begierde lernen, wenn es sich seelisch aufgehoben und im Gleichgewicht befindet. Nur ein Kind, das der Welt vertraut, wird sich selbst vertrauen. Dann kann es lernen, ohne Druck zu verspüren, kann Fehler machen, ohne sich zu schämen und diese für weitere Erkenntnisse und Fortschritte nutzen.


Durch Reizüberflutung, mangelnde Bewegungserfahrungen und Stress, nicht zuletzt in der Corona-Pandemie, sind diese Grundlagen teilweise nicht ausgebildet worden. Um ein gemeinsames Fundament für alle Erstklässler zu schaffen, erscheint es mir daher immens wichtig, die Klassengemeinschaft sorgsam aufzubauen und dazu die Gaben der Natur, die Ruhe des Waldes und die Schönheit der spätsommerlichen Tage zu nutzen.


Glücklicherweise fand sich dann ein wunderbarer Platz unter hohen Buchen, an dem vor vielen Jahren ein anderer Klassenlehrer im Rahmen seiner Hausbauepoche im dritten Schuljahr drei Hüttchen und sogar ein Waldtoilette gebaut hatte. Somit war die Basis geschaffen.


Ein großer Kreis aus Bänkchen, wie in unseren Schulklassenzimmern, war auch vorhanden und nach einigen Vorberei­tun­gen, das Equipment wie Tafeln und Kreide, Sitzkissen, Jahreszeitentisch betreffend, konnte ich mich im Wald­-klassenzimmer einrichten.

Nach unserer Einschulungsfeier auf der Festwiese unserer Schule brachten die Eltern die Kinder für drei Wochen täglich zum Waldparkplatz und wir wanderten zu unserem Waldklassenzimmer und erlebten dort die erste Epoche mit Formen-zeichnen und noch so viel mehr als das.

 

Wir konnten balancieren, zählen, rechnen, tonen, bauen, täglich am Wild-gehege die Wildschweine begrüßen, gemütlich in den Hüttchen vespern, Michaeli feiern, Mutproben bestehen und schöne Geschichten hören. Morgens war es kalt im herbstlichen Wald, mittags, beim einstündigen Rückweg in die Schule, bergab und bergauf, flossen Schweißperlen und anfangs sogar ein paar Tränen, da es wirklich anstrengend war. Wie leichtfüßig bewältigten wir aber schließlich nach drei Wochen den Weg mit seinem steilen Anstieg – auch eine elementare Lernerfahrung!


Seit diesem besonderen Schulbeginn war ich mit meiner Klasse, die sich nun in der Hälfte des dritten Schuljahres befindet, insgesamt neun Schulwochen im Waldklassenzimmer und im 1. Schuljahr zudem regelmäßig an einem Waldplatz in Schulnähe, an dem wir montags nach dem Hauptunterricht die Jahreszeiten beobachten und am Tümpel und Bach spielen konnten.


Wir haben am Ende des ersten Schuljahres das Märchenspiel „Brüderchen und Schwesterchen“ im Waldklassenzimmer einstudiert und vor passender Kulisse aufgeführt.

Im zweiten Schuljahr bot es sich an, das Leben des „Franz von Assisi“ wiederum in der Natur zu erzählen und unser Publikum mit uns heraus in den Wald zu locken. Das war eine weitere Erfahrung, die das pädagogische Tun im Wald für die anwesenden Eltern in ein sehr positives Licht rückte.


Im dritten Schuljahr ist nun geplant, die Hausbauepoche teilweise in das Waldklassenzimmer zu verlegen und dort aus Lehm und weiteren Naturmaterialien eine kleine Stadt zu errichten.


Auch ein Theaterstück zum „Alten Testament“ könnte ich mir denken. Es gibt einen herrlichen Steinbruch in Schulnähe, in dem ich schon einmal mit einer fünften Klasse „Persephone“ einstudiert und aufgeführt habe. Beim Rückblick auf die Aufführungen 2011 wandern meine Gedanken nicht in das enge Klassenzimmer oder in den vollbesetzten, abgedunkelten Musiksaal unserer Schule, sondern hinaus in den weiten, lichtdurchfluteten Sommerwald!  Die jungen Schauspieler und ihre Zuschauer machten damals eine gemeinsame Wanderung, um bereits auf dem Weg, bei einer schattigen Baumgruppe oder unter einer großen Eiche, erste Szenen aus dem Spiel zu erleben. Schließlich erreichten alle, bei schweißtreibender Schwüle, den Steinbruch. Vor dieser beeindruckenden Kulisse und unter dem freien Himmel führten die Fünftklässler mit kräftigen Stimmen ihr Schauspiel weiter. Zeus thronte oben auf der ca. 7m hohen Steinwand, während Pluto in der Unterwelt herrschte und rechts und links die Hexameterchöre ertönten, die Persephones Befreiung beschworen.


Sollten wir als Pädagogen der heutigen Zeit nicht immer öfter den Mut fassen, uns herauszuwagen und zu befreien? Um mit einer Klasse draußen Unterrichtserfahrungen zu sammeln oder Klassenspiele einzustudieren, braucht man einerseits reiche Phantasie- und Vorstellungskräfte, aber auch ganz viel Vertrauen den Schülern und Schülerinnen gegenüber. Wenn beides gegeben ist, lernen wir uns bei solchen Projekten von völlig anderen Seiten kennen, denn wir kosten nicht nur gemeinsam von den Lebensquellen der natürlichen Umgebung, wir verändern unser gewohntes Verhältnis zur Umgebung und zueinander, wir lernen in Zusammenhängen und bilden tragfähige Gemeinschaften.

Wenn dazu der Mut fehlt, möchte ich jedem die untenstehenden Aufgaben in Erinnerung rufen, die für mich aktueller denn je geworden sind:




Am Ende des Begründungskurses für die erste Waldorfschule 1919 forderte Rudolf Steiner die künftigen Lehrer und Lehrerinnen zur Selbsterziehung auf.


• Der Lehrer sei ein Mensch der Initiative im großen und kleinen Ganzen.

• Der Lehrer sei ein Mensch, der Interesse hat für alles weltliche und menschliche Sein.

• Der Lehrer sei ein Mensch, der nie einen Kompromiss schließt mit dem Unwahren. 

• Der Lehrer soll nicht verdorren und nicht versauern.


Diese Worte sind ein Zukunftsweckruf und geben mir immer wieder die Kraft, neue Ideen zu fassen und nach dem zu suchen, was Kinder für ihre gesunde Entwicklung heute wirklich brauchen. Die Natur mit ihren vielseitigen Möglichkeiten bietet uns dafür Unterstützung und Schutz.



 

Martina Deichmann ist verheiratet, hat 4 Kinder und 2 Enkelkinder. Sie ist Klassenlehrerin an der Freien Waldorfschule Tübingen mit den Nebenfächern Handarbeit und Religion. Vielfältige Aufgaben in der Selbstverwaltung.


Fotos: Dieter Deichmann

 


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