MEIN LANGER WEG ZUR ANTHROPOSOPHIE
ERFAHRUNGEN MIT DEM ONLINE-SEMINAR „GRUNDLAGEN DER ANTHROPOSOPHISCHEN PÄDAGOGIK“

Wenn ich heute in meinem 73. Lebensjahr zurückblicke auf die vielfältigen „Anstupser“ zum Thema Anthroposophie, beginnend mit dem 35. Lebensjahr, dann bleibt es mir unbegreiflich, wie vieler Hinweise und Umwege es bedurfte, bis ich dann wirklich den durch nichts mehr zu bremsenden Entschluss fasste: „Jetzt will ich es wissen und die Texte Rudolf Steiners nicht nur lesen und wenig verstehen, sondern sie endlich mal durchdringen“.
Kinder als Impulsgeber
In gewissem Sinne waren meine vier Kinder die Impulsgeber, doch bis zum „zündenden Funken“ dauerte es noch viel zu viele Jahre. Insgesamt 20 Jahre widmete ich mich als Hausfrau und Mutter der Erziehung der Kinder, bis das letzte die Grundschulzeit beendete.
Schon in den Geburtserlebnissen, für mich eine Grenzerfahrung zwischen Himmel und Erde, die in völliger Hingabe an das Geschehen zu einer intensiv erlebten Verbundenheit mit den Kräften der Natur und den Mächten der geistigen Welt wurde, empfing ich jedes dieser wunderbaren Seelenwesen mit grenzenloser Lie-be, tiefer Demut und Dankbarkeit und im Bewusstsein ihres Vertrauens und meiner Verantwortung, ihnen Beschützer, Lehrer, Begleiter und Stütze sein zu dürfen, um sie aus einer behüteten Kindheit mit den Fähigkeiten und der Orientierung, die es braucht, ins selbständige Leben zu entlassen.
Die harte Schule, heute würde ich sagen die Leidenswege meiner Kinder in den Einrichtungen der städtischen Kindergärten und Schulen, ließen mich nach anderen Lösungswegen suchen und wie gerne hätte ich sie einer Waldorf-einrichtung anvertraut, doch die weite Entfernung einer solchen ließ meinen Wunsch nicht realisieren.
Die großen menschlichen und gesellschaftlichen Defizite, die uniformen Zurechtbiegungsbestrebungen und den ermüdenden Frontalunterricht in den Schulen zur Heranbildung gehorsamer Leistungsträger, das systematische Aberziehen eigener Lösungswege von Aufgaben, eigenem Denken und Ideen, brachten mich zeitweise an den Rand der Verzweiflung und die Kinder schafften es mehr oder weniger unbeschadet, die Schulzeit hinter sich zu bringen und sich den Berufen zuzuwenden, in denen sie ihre Talente und Fähigkeiten ausüben konnten.
Die entmutigenden Erfahrungen aus der Schulzeit meiner Kinder ließen mich nicht los und ich beschäftigte mich weiter mit den Krankheiten des Schulsystems, wie auch mit den schleichenden Veränderungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und des Arbeitslebens. Vieles wurde mir bewusst und ich brachte viele Gedanken und Ideen zu Papier, wie sich diese Missstände ändern lassen könnten.
Erste Berührungen mit der Anthroposophie
Da fiel mir eines Tages die Schrift Rudolf Steiners über die Sozialen Dreigliederung in die Hände und ich erkannte, dass darin die Lösungen beschrieben sind! Die in sich selbst wirksamen Organe des Bildungslebens, des Wirtschaftslebens und des Rechtslebens leuchteten mir voll ein. Zum Glück fand ich in meinem Umfeld anthroposophisch interessierte und darin bewanderte Menschen, mit denen ich in einer Kleingruppe die gesammelten Aufsätze Rudolf Steiners von 1919 – 1921 in dem Buch „Zur Dreigliederung des sozialen Organismus“ erarbeiten und verstehen konnte. Bis heute beschäftigen wir uns regelmäßig mit den Inhalten aus verschiedenen Schriften Rudolf Steiners und sie eröffnen mir Einsichten und ein Erleben, das mich innerlich erfüllt und nebenbei mein Leben, mein Denken, mein Handeln und meine Sichtweisen völlig verändert.
Über diese Gruppe kam ich zu den sonntäglichen Zoom Treffen, die Christoph Hueck anbietet und in denen er mit den Teilnehmern die „Geheimwissenschaft im Umriss“ erarbeitet. Auch wenn ich erst im dritten Kapitel dazugekommen bin, hat dieser Sonntagabend eine hohe Priorität, denn endlich fand ich in Christoph Hueck einen Menschen, der authentisch, erfahren und über unglaublich umfassendes Wissen verfügt und dazu noch in einer Weise uns die Textinhalte vermitteln kann, wie ich es bei niemandem bisher finden konnte. Die wunderbare anthroposophische Meditation, die den Abschluss des Abends bildet, eröffnet ungeahntes geistiges Erleben und diese Art von Meditation wird zum wertvollen Begleiter für jeden Tag.
Zugegeben, die Tex-te sind äußerst inhaltsvoll und nicht immer leicht zu verstehen. Auch fühle ich mich bei Weitem nicht in der Lage, sie schlüssig und verständlich anderen Menschen mitzuteilen. Doch eines bemerke ich deutlich: Seitdem ich mich damit beschäftige und bemühe, erwuchs in mir eine ganz andere Stärke und die Gewissheit, dass mich schwerlich etwas aus der Bahn werfen könnte, was mir aus der Außenwelt entgegenkommen mag. Eine gewisse Resilienz hat sich eingestellt, die Beobachterposition hat sich geschärft, die Schlussfolgerungen werden klarer und daherkommende Narrenschiffe kann ich ziehen lassen, ohne sie bei mir anlanden zu lassen.
Online-Seminar zur anthroposophischen Pädagogik
Es kam nun, wie es kommen sollte. Über Christoph Hueck erhielt ich eine hoch interessante Einladung zur Teilnahme am Grundkurs zur Anthroposophischen Pädagogik, der von Antje Bek und ihm über den „Verein zur Förderung der anthroposophischen Pädagogik“, der auch die Zeitschrift erWACHSEN&WERDEN herausgibt, ab Oktober 2025 angeboten wurde.
Der kleine Sanguiniker in mir war sofort begeistert von dem Angebot, doch gleichzeitig meldete sich der Melancholiker zu Wort und legte seine Bedenken ein, ob ich das zeitlich und inhaltlich schaffen könne. Drei Nächte gab ich mir Zeit darüber zu schlafen und bat im täglichen Abendgebet die geistigen Hierarchien und alle sich dafür zuständig Fühlenden um Rat. Jeden Morgen wachte ich mit dem Gedanken an das Studium auf und da war nur ein „Ja ich will!“ und „Tu es!“ in mir zu finden und nach der dritten Nacht meldete ich mich an. Was für eine gute Entscheidung! Mit einer guten Planung sind die wöchentlichen, am Montag stattfindenden Kursabende von 1½ Stunden durchaus leistbar und während der Ferien pausiert auch der Kurs.
Mit Antje Bek und Christoph Hueck habe ich zwei Menschen gefunden, die nicht nur Türen, sondern ganze Scheunentore öffnen können! Beide haben intensive Erfahrungen in der ausgeübten Lehrertätigkeit als anthroposophische Pädagogen, spürbar beseelt und durchdrungen von dem Wunsch und der Notwendigkeit, den geisteswissenschaftlichen Gedanken viel mehr Menschen zugänglich zu machen und die dringend benötigten anthroposophischen Lehrer und Erzieher heranzubilden, um Kindern ein Hineinwachsen ins Leben zu ermöglichen, das ihren Bedürfnissen und Bewusstseinszuständen in den jeweiligen Jahrsiebten entspricht.
Die Erziehung des Kindes
Wir begannen mit dem Aufsatz „Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft“, den Rudolf Steiner 1907, zwölf Jahre vor der Gründung der ersten Waldorfschule verfasste. Die Schrift war schon ein Augenöffner für sich und wie wahr es doch ist, wenn Rudolf Steiner darauf hinwies: „Wer Vorschläge machen will, wie es in Zukunft geschehen soll, der darf sich nicht damit begnügen, das Leben nur an seiner Oberfläche kennenzulernen. Er muss es in seinen Tiefen erforschen.“ Hierbei erarbeiteten wir uns ein umfassendes Verständnis von den 4 Wesensgliedern des Menschen - Physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und ICH - von der Bedeutung der Lebens- und Entwicklungsprozesse sowie von den damit korrespondierenden Bewusstseinszuständen der verschiedenen Jahrsiebte. Dies allein schon erschafft ein völlig anderes Menschenbild, als es uns von Religion, Schule, Elternhaus und der Gesellschaft vermittelt wurde und wird.
Staunend und tief berührt von dem Wissen und den Erkenntnissen Rudolf Steiners sauge ich die Themen aus den wöchentlichen Zoom-Kursabenden wie ein Schwamm auf, egal wie müde ich von der Tagesarbeit bin, arbeite die Kursaufzeichnungen intensiv nach und bereite mich mit den gestellten Betrachtungsangeboten auf den nächsten Kursabend vor. Diese Disziplin und Ausdauer habe ich vermutlich dem Praktizieren der 6 Nebenübungen2 von Rudolf Steiner zu verdanken, die für mich ein sehr hilfreiches Werkzeug sind in der Selbsterziehung.
Allgemeine Menschenkunde
Das Erforschen des Menschenwesens in seinen Zusammenhängen mit der geistigen und der irdischen Welt setzten wir fort mit den 14 Vorträgen zur „Allgemeinen Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik“, die Rudolf Steiner 1919 vor der künftigen Lehrerschaft für die erste entstehende Waldorfschule hielt.
Parallel dazu zeigt Rudolf Steiner aus verschiedenen Perspektiven exakt auf, welche Verantwortung und Aufgaben wir als Lehrer und Erzieher haben, auch als Eltern oder Großeltern und Erwachsene in der Beziehung mit Kindern und Jugendlichen und wie wir dieser Verantwortung gerecht werden können. Lebendigkeit, Anschaulichkeit, Wahrhaftigkeit, Interesse am Anderen, natürliche Autorität, klare und eindeutige Sprache und Kommunikation, Liebe zum Leben, Verständnis und Verbundenheit mit der Natur und ein gutes Verhältnis zum geistigen Leben, Beweglichkeit im Denken und Handeln sind nur einige der Aspekte, die einen authentischen Erzieher ausmachen.
Selbsterziehung und Inkarnationsprozess der Kinder
Hier kommt wieder die Selbsterziehung ins Spiel. Die „Allgemeine Menschenkunde“ bietet neben den tiefen Einblicken in die geistigen Zusammenhänge der Menschenentwicklung viele Gelegenheiten zur bewussten Selbstreflektion und Änderung von den eigenen hinderlichen Gewohnheiten und Verhaltensweisen. Ein Erwachsener, der seine unverarbeiteten Lebensdramen und Alltagsprobleme in die Begegnung und Beziehung zu den ihm anvertrauten Kindern hineinträgt, kann von ihnen wohl schwerlich als liebevolle und zugewandte Autorität empfunden werden.
Weitere spannende Themen schließen sich der Allgemeinen Menschenkunde an, wie die Betrachtung der vier Temperamente, der zwölf Sinne, der kosmischen und irdischen Konstitutionstypen, die alle dazu führen können, dass der Unterricht auf die Kinder nicht nur lebendig wirkt und Freude bereitet, sondern auch noch eine tiefe heilsame Qualität haben kann in der Harmonisierung noch ungleich wirkender Kräfte beim Inkarnationsprozess des Kindes.
Im jetzigen Leben werde ich wohl keine Waldorflehrerin mehr werden, doch kann ich mir vorstellen, werdenden und frisch gewordenen Eltern bei der Wahrnehmung und Erkenntnis der wahren Bedürfnisse des Säuglings und Kleinkindes zu unterstützen und ihnen zu vermitteln, welche Vorbildfunktion sie haben in der Nachahmungszeit.
Ausblicke in die Zukunft
Von ganzem Herzen wünsche ich mir, dass die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Anthroposophie noch um ein Vielfaches bekannter und ernster genommen werden. Mögen sich viele, auch etwas jüngere Menschen als ich es bin, für das Studium der anthroposophischen Pädagogik entscheiden. Der nächste Kurs beginnt im Oktober 2026! Ich ermutige Sie dazu, selbst wenn noch ungewiss sein mag, ob Sie den Erzieherberuf anstreben oder nicht, denn gewinnbringend ist es für jeden, ob Vater, Mutter, Großeltern oder Erzieher. Das kann ich garantieren und es wird ein Segen sein für die Kinder, jetzt und in der Zukunft.
Unsere Kinder und Enkelkinder gestalten die Zukunft und welche das sein wird, dazu können wir einen ganz erheblichen Beitrag leisten, dass sie sich einmal in der rechten Weise dazu ermächtigt fühlen.
So mancher Keim will jetzt gelegt werden, um in der Zukunft zu erblühen.
Postskriptum
Natürlich bin ich immer noch Anfänger und Neuling und ich habe bis heute noch nicht alles so durchdrungen, wie ich es eingangs als dringenden Wunsch beschrieben habe und werde es auch nicht bis zu meinem Lebensende durchdrungen haben. Ich mühe mich und strebe danach, immer mehr und zusammenhängender zu verstehen und bleibe dran. Aufgeben ist keine Option!
Anmerkungen
2 s.a. anthrowiki.at/Nebenübungen
Gabriele Leichtle, Mutter und Großmutter von 5 Enkelkindern, Initiatorin und Begleiterin eines Gemeinschaftsgartens, Gemüse- und Kräuteranbau im eigenen Selbstversorgergarten.
Dieser Beitrag erschien im Heft 08/26 der Zeitschrift erWACHSEN&WERDEN



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