VOM SCHEITERN AN IDEALEN
- Antje Bek

- vor 3 Tagen
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Sind Urbilder einer menschengemäßen Pädagogik überholt,
weil wir ihnen nicht genügen können?
Von Antje Bek

Editorial erWACHSEN&WERDEN 02/26
Liebe Leserinnen und Leser,
wir leben in einer Zeit, in der das starke Empfinden aufkommen kann, dass die bestehenden Systeme nicht mehr tragen. Eines dieser Systeme ist das Bildungssystem. Während der Coronazeit wurde es deutlich in Frage gestellt: Wer hätte sich vor dem 1. Lockdown vorstellen können, dass die Schüler nicht mehr in die Schule gehen dürfen? Die Schulpflicht hat so selbstverständlich unser Denken beherrscht, dass das im Grunde undenkbar war. So gibt es noch andere Formen in diesem System, an die wir und unsere Vorfahren schon so sehr gewöhnt sind, die wir auch an Waldorfschulen kennen, dass es kaum denkbar scheint, sie zu verändern. Dazu gehören etwa „Deputatsstunden“, nach denen sich das Gehalt der Lehrer richtet. Dazu gehört auch ein Lehrplan und selbstverständlich ein Stundenplan. Und dazu gehört, zunehmend nun auch an Waldorfschulen, eine Führungshierarchie mit entsprechender Schulleitung oder Rektorat.
Die Kinder, aber auch der Gesundheitszustand der Lehrer, zeigen jedoch für den, der es wahrnehmen möchte, deutlich, dass dieses System nicht mehr passt. Viele Waldorflehrer berichten, wie schwierig das Arbeiten mit den Kindern geworden ist, wie viel sozialen Unfrieden es gibt. Fragen nach einer Friedenspädagogik entstehen: Wie kann die Lernatmosphäre so gestaltet werden, dass ein Verhältnis zu den Kindern, aber auch zwischen den Kindern entsteht, das wir für das wünschenswerte halten? Man kann schon den Eindruck gewinnen, dass das so genannte „Bildungssystem“, an das sich – wie oben dargestellt – auch die Waldorfschulen anlehnen, für viele Kinder nicht mehr passt und dies von ihnen deutlich auf ihre Weise kundgetan wird. Diagnosen wie „ADHS“ scheinen zu „helfen“, das Problem in erster Linie bei den Kindern zu sehen, die den Lehrern dann Probleme im Unterricht bereiten.
Rudolf Steiner machte bereits am ersten Tag seines ersten Lehrerkurses am 21. August 1919 deutlich, dass er sich Schule nicht als System, sondern als einen lebendigen Organismus wünscht, für Kinder und Lehrer. Einen Stundenplan, der den Tag durchtaktet, sollte es nicht geben[1], aber eine rhythmische Gestaltung des Tages[2]. Überhaupt ist in seiner pädagogischen Schrift von 1907 „Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft“[3] von Schule – abgesehen vom ersten, einleitenden Absatz - nicht an einer Stelle die Rede, aber davon, was die Kräfteentwicklung der Kinder fördert und wie das Kind durch den Erwachsenen die Welt kennen lernen kann.
Und die Lehrer? Jeder Einzelne sollte voll in der Verantwortung für das Ganze stehen[4], „republikanisch“[5] sollte die Schule verwaltet werden. Das Ganze differenziert sich in seine Teile – wie er es später für das Rechnen Lernen ausführt – und innerhalb der „Lehrer-Republik“[6] hat jeder als Teil davon die volle, notwendige Freiheit, jedoch auch Verantwortung für das Ganze.
Krisenzeiten bieten immer auch Chancen, das wird an verschiedenen Beiträgen in diesem Heft deutlich. Reinhild Brass beleuchtet kritisch das eigenartige „Ideal“, dass ein Unterricht dann als gelungen gilt, wenn die Kinder brav alles tun, was der Lehrer verlangt. Was es tatsächlich im Unterricht, gerade auch in schwierigen Situationen braucht, ist jedoch kein Festhalten an einem Plan oder festen Vorstellungen, sondern Geistesgegenwart und Vertrauen in die Hilfe aus der geistigen Welt.
Svenja Herget zeigt auf, dass unsere Vorstellung, Kinder könnten nur in einem System, wie es die derzeitigen Schulen darstellen, lernen und sich entwickeln, zu kurz gegriffen ist. An einzelnen Persönlichkeiten und aufgrund eigener Erfahrungen und Beobachtungen weiß sie, dass es auch anders geht.
Martin Cuno beschreibt, welche Zukunftsimpulse in einer im Sinne Rudolf Steiners selbstverwalteten Schule stecken, und dass manche Schwierigkeiten, die Kollegen an einer selbstverwalteten Schule hatten und haben, nach einer Selbstschulung rufen – wie z.B. das Zuhören oder das Interesse am Anderen zu üben.
Rudolf Steiner hat das Ideal eines lebendigen Organismus vor uns hingestellt. Dass wir immer wieder an diesem Ideal scheitern (sonst wäre es auch kein Ideal), sollte uns jedoch nicht davon abhalten, es weiterhin als unseren Leitstern zu betrachten, es immer wieder neu bewusst zu machen und in seine Richtung zu streben.
In eigener Sache
Es sei noch eine Anmerkung in eigener Sache erlaubt: Unser Redaktionsteam hat sich erweitert: Judith Ebbing hilft mit, interessante Beiträge für die Zeitschrift zu finden oder anzufragen, auch das Korrekturlesen hat sie dankenswerterweise übernommen. Wir freuen uns über diese Ergänzung!
Viele anregende Impulse wünschen wir Ihnen nun beim Lesen der Beiträge in der Februar-Ausgabe von erWACHSEN&WERDEN.
Literatur
2 ebd. , S. 17 f.
3 Rudolf Steiner, Lucifer-Gnosis. Grundlegende Aufsätze zur Anthroposophie“, GA 34, S. 309
4 Rudolf Steiner, Seminarbesprechungen und Lehrplanvorträge, GA 295, S. 16S. 14
6 ebd.
Foto: Beth Macdonald / Unsplash



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